Bürger, Bauern und Umfragen: Eine Zwischenbilanz

Seit einigen Tagen läuft nun die Umfrage zum Thema “Einfaches Volk oder obere Schichten”, und ich muß sagen, daß die Beteiligung mich überrascht hat. Ich hätte vielleicht zwei oder drei Stimmen erwartet, stattdessen haben sich bisher 19 Personen beteiligt. Vielen Dank an alle!

Der Zwischenstand ist relativ ausgeglichen, auch wenn sich eine Präferenz für eher hochstehende Charaktere abzeichnet. Bei 42% (8 ) der Runden werden vor allem die oberen Schichten gespielt, in 16% (3) der Runden sogar ausschließlich solche Charaktere. Aber auch das einfache Volk kommt nicht zu kurz – in 21% (4) der Runden hat es die Hauptrolle und in 11% (2) der Runden scheint kein Platz für Adlige und ihre Standesgenossen zu sein. Weitere 11% (2) der Runden wurden als “recht ausgeglichen” bezeichnet.

Es scheint, als habe sich die erhöhte Auswahl an Charakterklassen ausgezahlt, die mit DSA4 eingeführt wurde. Ich habe nicht sehr lange DSA3 gespielt, aber der einzige “einfache” Charaktertyp, an den ich mich erinnern kann, war der generische Bürger. Trotzdem scheinen Krieger, Magier und Geweihte nichts von ihrer Faszination eingebüßt zu haben – so daß es in der durchschnittlichen Runde wohl mindestens einen Charakter gibt, der den anderen vors Schienbein treten kann, wenn sie auf dem Empfang der Herzogin mal wieder mit den Fingern essen ;-)

Die Umfrage bleibt weiter offen, und wer möchte, kann sich immer noch beteiligen. Sollten sich die Ergebnisse noch stark ändern oder die Menge an Stimmen deutlich steigen, gibt es natürlich eine neue Zusammenfassung. Betrachtet diese hier also als einen interessanten, aber nicht repräsentativen Blick auf DSA-Spieltische.

Yazz~

Bürger, Bauern und Exoten

Nachdem heute leider mal wieder meine DSA-Runde ausgefallen ist (im Winter ist irgendwie immer einer krank *seufzt*), habe ich die Zeit mit meinem liebsten Hobby verbracht: Charaktere erstellen, die ich vermutlich nie spielen werde. Dabei kam eine recht interessante Mischung heraus, allerdings noch immer mit dem Fokus auf eher “einfachen” Charakteren und alltagstauglichen Talenten. (Und Geweihten… ich mag sie einfach.) Irgendwann begann ich mich zu fragen, wie die Präferenzen anderer Leute und Gruppen aussehen, was an anderen Tischen bevorzugt gespielt wird. Ein Blick über den Tellerrand kann schließlich nie schaden.

Zu diesem Zweck versuche ich mich mal an einer Umfrage: Eure Erfahrungen, Eure Runden und Charaktere interessieren mich sehr und vielleicht möchte der eine oder andere ja ein wenig darüber berichten. Nun, wie sieht es bei Euch aus: Bürger, Bauern oder Exoten?

[Update: Montag, 19. 1.] Die Umfrage werde ich noch ein paar Tage lang beobachten und mich dann an einer Zusammenfassung versuchen. Derzeit sind fast alle Antworten vertreten – was mal wieder beweist, daß Rollenspieler definitiv nicht langweilig und vorhersehbar sind ;-)

Das bornische Butterfaß

Endlich habe ich mir auch die Bornland-Spielhilfe organisiert und stolperte gleich über einen merkwürdigen Namen. Auf den ersten Blick kam er mir einfach nur… seltsam vor. Auf den zweiten Blick kam mir eine Erkenntnis. Oder was denkt Ihr Euch, wenn Ihr den Namen “Wenschenz Ismain” hört? ;-)

(Sollte der Name schon länger bekannt sein, bitte ich um Verzeihung, aber ich kannte ihn noch nicht…)

Kunst kommt von Können, Wurst kommt von Wollen; oder auch: Mir fällt kein Titel ein.

Ich wurde netterweise motiviert, mal wieder einen Stift in die Hand zu nehmen :-) Nicht daß ich mich für eine große Künstlerin halten würde, aber Übung kann niemals schaden. Vielleicht schaffe ich es dann auch mal, Männer vernünftig zu zeichnen… oder Kleidung… oder Anatomie… oder… ach herrje, was soll’s, hier sind die Bilder.

korgeweihter

<<< Unschwer an der Frisur (harhar…) zu erkennen: Dies hier soll einen Korgeweihten darstellen. Ich bin nicht hundertprozentig zufrieden, aber mir gefällt der Blick… weil nicht einmal ich selbst weiß, wie ich ihn deuten soll. Spöttisch? Gemein? Amüsiert?

Heute ist mein “Tractatus contra Daemones” angekommen. Eindeutig ein interessantes, ungewöhnliches Werk mit vielen guten Bildern, aber auch einigen Motiven, die ich mir anders vorgestellt hatte. So zum Beispiel den/die Fajlaaran, den/die… ach, ich sage einfach mal “die”… ich gern in etwas menschlicherer Gestalt gesehen hätte. Hier mal meine Vorstellung davon, wie eine Fajlaaran aussieht, wenn sie noch nicht komplett dämonische Gestalt angenommen hat.

v

Fajlaaran

Fajlaaran


rsp-blogs.de – jetzt bin ich auch dabei

Den Zwölfen zum Gruße,

ich springe gerade herum wie eine Tsageweihte auf Rauschkraut ;-) Der Grund: Mein kleiner Blog wurde für würdig befunden, Teil von rsp-blogs zu werden, einer Übersicht über deutschsprachige Rollenspielblogs. Natürlich geht es dort nicht nur um DSA, sondern auch um diverse andere Systeme (bekannt und unbekannt), Rezensionen, Berichte und vieles mehr. Wenn ihr euch allgemein für Rollenspiel interessiert und mal einen Blick über den Tellerrand werfen wollt, solltet ihr unbedingt vorbeischauen.

Falls dieser Artikel mal in der Versenkung verschwindet, findet ihr den Link auch in meiner Blogroll auf der linken Seite.

Yazz~

Meine DSA-Gruppe: Ein kleiner satirischer Überblick. Nee, eigentlich doch recht treffend.

Damit ihr wißt, wer “wir” eigentlich sind, hier ein kleiner Überblick über die Stammbesetzung:

Aki alias KÄÄÄSEEE!!!

Alter: 30

Herkunft: Vermutlich aus Käsistan

Profession: Käsehändler, Leuteindenwahnsinntreiber

Größe: 1,77 Schritt

Haare: dunkelblond

Augen: blau

Aki lebt für Käse. Aki betet Käse an. Manche Leute behaupten, Aki IST Käse.

Er hat eine Wurstphobie und seine Weltanschauung ist selbst den Noioniten zu wirr (sie wollen ihn einfach nicht haben). Manchmal hat er eine spontane Erleuchtung, die ihn selbst am meisten überrascht. Man möchte glauben, daß er sich nur verstellt… aber so hartnäckig?! Tja, man weiß nie, auf welche Ideen er kommen wird, aber eins ist sicher: Der größte Teil davon hat mit Käse zu tun.

ZITATE: „Fleisch ist Käse vom Tier.“ – “Guter Käse muß rauchen!” – “Spaß ist sehr wichtig. Man soll nie seinen Humor verlieren, sonst ist er weg.” – (im Borontempel: ) “Wenn wir sterben sollten, kommen wir wieder.” – “Ich kenn’ da so ‘nen Wald, da stehen Bäume…” – “Ich entschuldige mich für alles, was ich tun werde in den nächsten Tagen. Es wird nicht so gemeint sein, wie es gemeint ist.” – (auf die Frage, zu welcher „Zwergenart“ ein NSC gehört: ) “Bergwerkzwerg!” – “Ich kann die Luft anhalten, ohne zu atmen!” – “Hilfe, meine Kameraden wurden von Schlafsäcken gefressen!” – (als Fluchtvorschlag à la Maraskan: ) “Einer bringt sich um, wird wiedergeboren und holt uns raus.”

Amadahy feat. Brina, die Falkendame

Alter: 24

Herkunft: Mittelreich

Profession: Jägerin, Falknerin

Größe: 1,75 Schritt

Haare: braun

Augen: grün

Logik? Muß eins dieser maraskanischen Gerichte sein. Amadahy hält nicht viel davon, und ihre Stimmung wechselt schneller als die Windrichtung. Am liebsten ist sie mit ihrem Falkenweibchen Brina auf der Jagd, da andere, vor allem Männer, sie verwirren – was auf Gegenseitigkeit beruht. Außerdem hat sie eine Abneigung gegen Kleider. (Die Frauenklamotten, nicht allgemein gegen Kleidung, ihr Perverslinge!) Immerhin hat Jabez ihr beigebracht, ihren Namen zu schreiben, was sie bei jeder Gelegenheit betont.

ZITATE: “BÄH!!!” – (zu einer Alchimistin, die mit Heiltränken experimentiert: ) “Wir kommen auch gerne als Versuchskaninchen, wir sind immer verletzt.” – “Wurst ist doch nur Käse vom Fleisch…” – (beim Versuch, Aki am Jagen zu hindern: ) “Wir mußten dich letztes Mal pflegen, weil die Sau dich total zur Sau gemacht hat!” – “Ich verschränk’ die Augen.” – (in einer schlammigen Grube: ) “Darf ich mich auf jemanden setzen?” – “Ihr könnt mich vielleicht für schizophren halten, aber ich hatte wirklich Eltern!”

Chakijian von Kyrloggyn alias Sal alias… viele andere

Alter: 25

Herkunft: Maraskan, Kyrloggyn

Profession: Teilzeitmeuchler, Hobbykoch

Größe: 1,76 Schritt

Haare: rotblond (häufig zur Tarnung gefärbt)

Augen: nebelgrau (oder auch mal anders)

Wenn Chakijian nicht gerade für seine Bruderschaft unterwegs ist, dann kocht er, versucht den anderen Leuten elementare Hausarbeit beizubringen und wundert sich über die Garethjas (und diese über ihn). Oder er zieht mit seinem besten Kumpel Jabez um die Häuser, was meistens mit ziemlichen Kopf- (und anderen) Schmerzen endet. Da er aber eine Menge Schwestern hat, weiß er zumindest theoretisch, wie Frauen ticken (und welche Kleider ihnen stehen – deshalb muß er ständig mit ihnen einkaufen gehen). Amadahy versteht er trotzdem nicht.

ZITATE: “Ich bin nicht hektisch! Können wir jetzt weiter?!” – (als eine hübsche Schankmaid die Theke putzt: ) “Ich will eine Theke sein!” – (als Amadahy ihn in Elburum als ihren Diener ausgibt: ) “Diener?! Du hättest mich wenigstens als deinen Mann ausgeben können. Ist zwar das Gleiche, aber es klingt besser.” – “Aki, ich kenne ein lustiges Spiel. Man bindet dem anderen eine Binde vor den Mund und geht weg. Und ich fange an.”

Jabez (weitere Namen vorhanden, aber er verschweigt sie)

Alter: 24

Herkunft: Al’Anfa

Profession: Korgeweihter, gestreßter Stiefvater, Amadahys Schreiblehrer

Größe: 1,98 Schritt

Haare: …Haare? (Seinem Kinnbart nach zu schließen rotbraun)

Augen: dunkelgrün

Er wäre kein echter Alanfaner (auch wenn man ihn nicht darauf hinweisen sollte!), wenn er nicht ein paar Laster hätte – und dazu gehören Frauen, Rauschkraut und das eine oder andere Glas zu viel. Wenn man ihn und Chakijian zusammen in einen Raum sperrt, sinkt das Niveau auf Meeresbodentiefe. Eigentlich recht diszipliniert, gibt er derzeit seinen Schwächen etwas zu oft nach – was nicht zuletzt an seiner hyperaktiven Stieftochter, seiner Verwirrung über Haushaltsführung (wie hält man gleich den Besen?) und seiner „üüüberhaupt nicht, ihr bildet euch das nur ein”-Beziehung mit seiner guten Bekannten Yezira liegt.

ZITATE: „Ich bin nicht krank, ich leide nur an Familie!“ – „Aber es war kein Riesenhirsch, sondern ein fast toter Toter!“ – (mit Blick auf Aki: ) “Ich sage nichts, sonst könnte er antworten.” – “Ich habe auch zwei Kinder, aber es sind beides nicht meine.” – “Aki, möchtest du nicht ein wenig mit meinem Korspieß kuscheln? Nur ein bißchen? Nur bis es blutet?” – “Kreative Idee, leider an der Realität gescheitert.” – “Ich wollte freundlich sein und ‘hallo’ sagen, ohne ‘hallo’ zu sagen.” – “Zwiebeltage zeichnen sich dadurch aus, daß einem am Ende die Augen brennen.” – “Dieser Satz ist mir zu lang. Ich muß hier weg.”

Müssen Helden wirklich Helden sein?

Rollenspiel und Helden… da kommen einem sofort die mächtigen Magier in den Sinn, die unbezwingbaren Krieger und gewitzten Diebe. Epische Plots, die einen durch Drachenhöhlen und dämonenverseuchte Gebiete führen, um am Ende die Welt zu retten. Alles inklusive Tonnen von Gold, leicht bekleideter Frauen und der Megadrachentöteraxt+10.

Um ehrlich zu sein – ich weiß nicht, was daran so spannend ist. Natürlich macht es Spaß zu beobachten, wie sich ein Charakter weiterentwickelt, wie er seine Fähigkeiten verbessert und mächtige neue Ausrüstung bekommt. Aber das habe ich auch bei WoW, und DSA ist nicht WoW, selbst wenn ich die tollen magischen Schwerter lila anmale.

In unserer Runde beobachte ich schon seit langem, daß wir offenbar andere Auffassungen von “Helden” haben als ein Großteil der Rollenspielgemeinschaft. Wir spielen eher unauffällige Charaktere, “Helden des Alltags” – Schreiber, Bergleute, Käsehändler. Natürlich auch Geweihte, Kämpfer oder Zauberkundige, wobei diese einen wahren Powergamer wohl zu einem Lachanfall verleiten würden: Talente wie Kochen, Schriftlicher Ausdruck oder Schneidern sind da teilweise höher als die Waffentalente oder der durchschnittliche ZfW.*

Das letzte Mal haben wir vor einem halben Jahr Abenteuerpunkte verteilt. Irgendwie scheint sie keiner wirklich zu vermissen. Wir haben zwar so einige spannende Reisen hinter uns, aber aktuell haben wir uns in Eslamsgrund niedergelassen und bewirtschaften einen hübschen kleinen Gasthof.  Wir erledigen so epische Questen wie “Kaufe Bettwäsche fürs Gästezimmer” oder “Versorge eine Gruppe durstiger Zwerge mit Bier”. Nebenbei nehmen wir Kochunterricht und beginnen uns einen positiven (allgemein) oder negativen (Aki beim Einkaufen) Ruf im Ort zu machen. Und es macht unglaublich viel Spaß.

Klar, wir kommen immer mal wieder aus unserer muffigen Stube heraus – eine Gruppe von weltgewandten Abenteurern muß sich ab und zu die Beine vertreten. Doch im Großen und Ganzen führen wir ein recht beschauliches Leben. Die alltäglichen Begebenheiten erhalten viel Platz im Rollenspiel; da wird auch mal einen Abend lang der Einkauf fürs Stadtfest ausgespielt oder der Gasthof umgebaut. Dank unserer leicht verrückten Charaktere sorgt das auch immer für Unterhaltung – wenn der Käsehändler sich für einen Besen hält, der Korgeweihte bei der Hausarbeit mehr kaputt als sauber macht und der Maraskaner gezwungen werden muß, “Fremdijiküche” zu kochen, weil er sonst von der Gruppe gelyncht würde.

Ich möchte diese Art des Rollenspiels nicht mehr missen. Die Verbindung zum eigenen Charakter ist so ganz anders als bei echten “Helden”, die nur aufs Überleben von Extremsituationen optimiert werden, aber kaum echte Persönlichkeit entwickeln können. Zwischen Barbecue beim Lindwurm und Schlachtfest in den Schwarzen Landen bleibt halt kaum Zeit für tiefsinnige Selbstbetrachtung oder so absurde Hobbies wie Stricken und Schnitzen.

Mir ist klar, daß nicht jedem diese Art des Spiels zusagen wird – aber vielleicht möchte es der eine oder andere mal versuchen, als entspannte Alternative zum ewigen Helden-Sein ;-)

*Zauberfertigkeitswert

Zwischendurch

Yazz hat jetzt eine Art Banner. Provisorisch, da Photoshop auf meinem Rechner nicht läuft, meine Scannersoftware keine vernünftigen Texte in Bilder einfügt und Paint einfach doof ist.

Banner

Banner

Nebenbei bin ich auf Entzug. DSA-Entzug. Schlimm… aber irgendwie scheinen meine Mitspieler ziemlich viel um die Ohren zu haben und wir schaffen es nicht, so häufig zu spielen, wie wir* es gern hätten. Hoffentlich pendelt sich das bald wieder ein.

*wir = lies: ich ;-)

Weil mir langweilig war

Material: Stumpfer, extraweicher Stift auf ramponiertem Zeichenblock

Zeitaufwand: Zu kurz für wahre Kunst

Ich will jetzt nichts von Anatomie, Radiergummis oder sonstigem Anfängerkram hören. So wirr malen nur Profis! ;-P Nee, mal ernsthaft. Ich habe seit Ewigkeiten nicht mehr gezeichnet und gerade zufällig einen Stift gefunden. Bild 1 ist mein Charakter für ein potentielles Forenrollenspiel, die Sprachenkundlerin Shafiqah Jamilsunni. Bild 2 ist… öhm, die Wahrheit ;-)

Shafiqah

Shafiqah

rpg-helden_kinder1

Vier Lilien

Eine Geschichte über Schwarzmaraskan, über stille Rebellion und eine Garethja, die die Schönheit der Welt erkennt…

~*~

Weine, Tuzak, du Tränenreiche/Sieh’ die Geschwister tot in der Sonne…
Valeshka konnte sich kaum noch erinnern, wo sie dieses Lied zum ersten Mal gehört hatte, das ihr nun beständig im Kopf herumging und fast jeden anderen Gedanken überdeckte. Es mußte bei einer dieser öffentlichen Hinrichtungen gewesen sein, die die Priesterschaft als ein Opfer ihres blutigen Dämonengottes, Belhalhar, verstand. Im letzten Mond hatte es viele Hinrichtungen gegeben. Durch den Verrat eines eingeschüchterten Mitglieds war eine geheime Gruppe aufgedeckt worden, die sich der Verehrung von Rur und Gror widmete, den Zwillingsgöttern des alten Maraskan.
Eine der Hingerichteten, die Stoffärberin Alenijida, hatte Valeshka gekannt. Sie war eine stämmige Mittzwanzigerin gewesen, deren blaßgrüne Augen stets ein wenig melancholisch dreingeblickt hatten und die, wenn sie sich sicher wähnte, in schwärmerischem Ton von den „alten Zeiten” auf Maraskan erzählte, an die sie sich selbst nur noch vage erinnerte. Wenn ihre Mutter nicht daheim gewesen war – was noch immer oft vorkam – und ihre Schwester Belara sich mit Freunden traf, hatte Valeshka sich gerne in die Stoffärberei geschlichen und auf eine ruhige Minute gehofft, in der Alenijida keine Kunden empfing und sich ganz dem Erzählen widmen konnte. In solchen Minuten entflammten die bräunlichen Wangen der Maraskanerin in einem freudigen Rot, ihre sonst schleppende Sprechweise beschleunigte sich und sie gestikulierte derart mit ihren kräftigen Händen, daß man um die Einrichtung ihres Ladens fürchten mußte.
Es schien, als habe Alenijida etwas von dem Verrat geahnt, denn wenige Tage zuvor hatte sie Valeshka auf dem Markt beiseitegezogen und ihr eine Nachricht in die Hand gedrückt. „Vielleicht können wir unsere Gespräche nicht mehr lange fortsetzen”, stand in runden, regelmäßigen Buchstaben auf dem Stück Pergament. „Duchijian, der Töpfer, wirkt merkwürdig in der letzten Zeit. Mag sein, daß er uns an die Bluttempler verriet. Doch ich habe keine Furcht, denn Rur in seiner Weisheit hat es gefügt, daß mit dem Ende eines Lebens nicht der Kreislauf aller Leben endet, und so werde auch ich dereinst auf den Weltendiskus zurückkehren. Du hast oft versucht, mich zu verstehen, Bruderschwester, und dafür danke ich dir. Ich habe dir in der zerbrochenen Truhe im Lager einige Schriften hinterlassen. Lies sie, und wenn es Schwester Hesinde gefällt, wirst du durch sie Einsicht erlangen.”
Gerade kehrte Valeshka von Alenijidas Laden zurück. Abgesehen von einer ungewohnten Stille und Leere war dort alles so gewesen wie immer. Die Eingangtür hatte sich mühelos öffnen lassen, und so war sie hineingeschlüpft und ins Lager geeilt, um die Dokumente der Stoffärberin zu retten, bevor die Bluttempler sie entdeckten. Nun trug sie sie unter ihrer weiten Tunika verborgen, zur besseren Tarnung noch eingeschlagen in ein Pamphlet des Belhalhartempels.
In ihrer Wohnung angekommen, verschwand sie zuallererst in ihrem Zimmer und verbarg die Dokumente in ihrem Kopfkissen. Die Tempelschrift arrangierte sie so auf dem Bett, daß es aussah, als habe sie darin gelesen und sie dann beiläufig liegen lassen, um sie später noch einmal zu studieren. Sie konnte es sich nicht erlauben, als „Ungläubige” des blutigen Zermalmers zu erscheinen – nicht hier, nicht jetzt, nicht in diesem Haus.
Schon seit vielen Jahren lebte sie hier in Tuzak, in Haffaxens Reich des Blutes, das die meisten als „Schwarzmaraskan” kannten. Kurz nach dem Verrat der Jerganer Templer war sie mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester hergekommen. Ihr Vater hatte die Familie bereits verlassen, nachdem seine Frau immer extremer in seinen Ansichten geworden war und ihre rondrianische Ausbildung nach und nach zu vergessen schien. Valeshka sah sein sorgenvolles Gesicht vor sich, umrahmt von weizenblonden Haaren, die an den Schläfen schon zu ergrauen begannen, und seinen letzten Gruß an sie, bevor er seinem Pferd die Sporen gab und gen Westen davon ritt. Es war weniger ein Gruß gewesen als ein Segen; das Zeichen des Sonnengottes Praios, das sie vor den Dämonen behüten sollte, die ihre Mutter bereits in die Dunkelheit zu ziehen begannen.
Nun, viele Jahre später, schien es so, als habe sie eine unerträgliche Zukunft vor sich. Sie haßte den grausamen Dämonenkult und seine Priester, die Angst und Unterdrückung auf der Insel, die furchtsamen Gesichter und geheimen Treffen derjenigen, die ebenso dachten wie sie. Sie haßte die Hinrichtungen, die die Belhalharpriester mit großem Genuß zelebrierten, und das einfältige Volk, das jedes Fallen des Henkerbeils, jede zugezogene Schlinge, jedes prasselnde Feuer feierte, als sei es die Erlösung ihrer geknechteten Seelen. Und doch – wie konnte sie dem entrinnen, ohne ihr Leben lassen zu müssen?
Valeshka zog den silbernen Handspiegel unter dem Bett hervor und betrachtete sich eingehend darin. Sie war jetzt sechzehn Jahre alt – „Götterläufe” nannten es die Zwölfgöttergläubigen – und dürr wie ein junger Baum, mit kaum ausgeprägten weiblichen Rundungen, die unter ihrer stets zu weiten Kleidung ohnehin nicht zu erkennen waren. Ihre welligen hellbraunen Haare rankten sich um ein schmales Gesicht mit etwas zu großem Kinn und meergrünen Mandelaugen. Arme und Beine waren eher knochig, und wenn sie tief einatmete, konnte sie unter dem groben Stoff der Tunika ihre Rippen ertasten. Sie gefiel sich ganz und gar nicht.
Resigniert schob sie den Spiegel wieder unter das Bett und blätterte müßig in den Schriften der Dämonenanhänger herum. Gleich auf der ersten Seite wurden die hingerichteten Maraskaner als „Umstürzler”, „gefährliche Subjekte” und – welch Überraschung – „Ungläubige” beschimpft. Valeshka seufzte und widmete sich halbherzig einer Schmähschrift über maraskanische Freibeuter, verfaßt von einem gewissen Ostian Blutacker, ehemals Rondrian von Hohenlohe. Bei der Lektüre drehte sich ihr fast der Magen um, doch sie wollte darüber informiert sein, was die Dämonenanhänger dachten, um ihrer Umwelt weiterhin das Bild der treuen Belhalharanhängerin vorspielen zu können.
Als sie bis zu dem Abschnitt vorgedrungen war, in dem Ostian die Handelseinbußen Schwarzmaraskans durch die Freibeuter beklagte, öffnete sich die Tür, und Valeshkas Mutter trat ein. Ihre sehnige Gestalt war in Rüstung und Wappenrock gehüllt, wie stets in den Farben der Bluttempler; ihre dunkelbraunen Haare, in die sich silbrige Strähnen mischten, hatte sie zu einem strengen Zopf gebunden, und ihre braunen Augen waren eng zusammengekniffen, als wittere sie überall unsichtbare Feinde. Sie trat ohne ein Wort neben ihre Tochter und blickte ihr über die Schulter. Dann gab sie ein zufriedenes Schnauben von sich. „Sehr gut, Valeshka. Man kann nie genug informiert sein über die Umtriebe dieses schändlichen Gezüchts.”
Meint sie damit die Dämonenbündler? dachte Valeshka spöttisch. Ihr schiefes Grinsen wertete ihre Mutter fälschlich als Zustimmung und schenkte ihrer Tochter einen der seltenen anerkennenden Blicke. „Kürzlich wurde wieder eine dieser spinnerten Verschwörergruppen enttarnt, die den Glauben an irgendwelche Doppelgötter verbreiten wollten”, erzählte sie beiläufig, während sie die Handschuhe abstreifte und hinter ihren Gürtel steckte. „Wie absurd, daß sie es immer wieder versuchen. Es müßte ihnen doch eine Lehre sein.”
„Ich habe die Zeremonie auf dem Markt gesehen”, erwiderte Valeshka, während sie ein stummes Gebet zu Boron schickte, sich der Seelen der Hingerichteten anzunehmen. „Ein Spektakel, das Belhalhars würdig war. Die Menge tobte im Blutrausch.”
Mit solchen Worten konnte sie nie etwas falsch machen, und auch jetzt lächelte ihre Mutter zufrieden und tätschelte ihr die Schulter. „Das ist gut zu hören, mein Kind. Die Oberen werden mit uns zufrieden sein. Ich hoffe, sie haben deine Anwesenheit bemerkt.”
Valeshka nickte und unterdrückte eine angeekelte Grimasse, als sie bestätigte: „Nach der Zeremonie habe ich Tempelvorsteher Belharian getroffen und kurz mit ihm gesprochen. Wir unterhielten uns über die bemerkenswerten Kampferfolge in den südlichen Gebirgszügen.”
„Oh ja, unsere Geduld hat sich endlich ausgezahlt.” Ihre Mutter straffte die Schultern und wirkte stolz. „Du hast mich erfreut, Valeshka. Morgen darfst du dir auf dem Markt ein paar neue Kleider kaufen.”
Valeshka bemühte sich um eine glückliche Miene und war froh, als ihre Mutter das Zimmer verließ. Länger hätte sie ihre Anwesenheit nicht mehr ertragen, ohne daß irgendwie herausgekommen wäre, was sie wirklich dachte. Und dann wäre sie ihres Lebens nicht mehr froh geworden.

~*~

Mittlerweile waren einige Monde vergangen, seit Valeshka den Nachlaß der Stoffärberin geborgen hatte. Sie hatte die Schriften ausführlich studiert und festgestellt, daß es sich dabei um ein Traktat über den Rur-und-Gror-Glauben und alte maraskanische Sitten handelte. Von der Anrede „Bruderschwester” über die Aufgaben eines Wanderpriesters bis zu Hochzeits- und Begräbniszeremonien war alles dabei. Anfangs war sie verwirrt gewesen, doch mittlerweile faszinierte sie das Glaubenskonzept, in deren Mittelpunkt der göttliche Dualismus, die Schöpfung Deres als Geschenk und die Schönheit alles Seienden standen. Es war eins faszinierendes und angenehmes Konzept, so völlig verschieden von der Unmoral der Dämonenanbeter oder der Götterfurcht der Mittelreicher. Valeshka nahm sich vor, so schnell wie möglich mehr darüber zu erfahren. Doch dafür würde sie Schwarzmaraskan verlassen müssen, und das war noch immer ein Problem.
Der Herbst brach langsam über die Insel herein, und nach dem langen heißen Sommer sank die Temperatur endlich auf ein erträgliches Maß. Valeshka löste ihren Zopf, als sie aus der Haustür trat, und fuhr sich mit den Fingern durch die widerspenstigen Locken. Als kleine Rebellion gegen die Herrschenden trug sie heute ein altmaraskanisch anmutendes grünes Gewand, das mit blauen Schmetterlingen bedruckt war. Solche Gewänder waren zwar nicht verboten, aber in den Reihen der Mittelreicher sah man sie selten, und wenn, dann in dunklen Farben. Sie selbst dagegen trug ihr buntes Gewand mit Stolz, denn immerhin hatte sie es selber entworfen und dann mit Hilfe des Schneiders Alrech geschneidert, der Alenijidas leerstehenden Laden übernommen hatte. Seine Zwillingsschwester Alryscha war Stoffdruckerin und hatte das wunderbar filigrane Blättermuster auf das Kleid gezaubert. Valeshka hätte es nicht beschwören können, doch sie hatte das Gefühl, daß die beiden ihre Intention verstanden und insgeheim guthießen.
Daheim hatte sie zwar erst einmal eine Standpauke und Stubenarrest geerntet, doch immerhin hatte sie so Zeit gehabt, sich eine Ausrede einfallen zu lassen. Schließlich hatte sie ihre Mutter mit dem Argument überzeugt, um seine Widersacher besser kennenzulernen und ihr Vorgehen zu begreifen, müsse man für eine Weile in ihre Haut schlüpfen. Daraufhin hatte sie das Kleid sogar auf den Markt anziehen dürfen.
Nun aber fühlte sie sich beobachtet. Und das nicht von einem Menschen, sondern von einem Vogel. Valeshka fragte sich, ob ihr Praios als Strafe für die ständige Schwindelei langsam das Gehirn vernebelte. Doch sie war sich sicher, denselben Vogel in den letzten Tagen ständig zu sehen. Sie konnte nicht sagen, welcher Art er angehörte, doch diese eine leicht abgeknickte Feder, der bläuliche Fleck rechts des Schnabels waren immer gleich.
Sie bog in eine Seitengasse ein, blieb dann stehen und drehte sich um. Tatsächlich, der Vogel folgte ihr. Kurz vor ihr landete er etwas ungeschickt auf dem Boden und schien sich umzusehen. Dann, als er festgestellt hatte, daß die Gasse leer war, geschah etwas Merkwürdiges mit ihm. Er begann sich seltsam zu drehen und zu verrenken, wuchs plötzlich auf ein Doppeltes seiner Größe an – Valeshka trat verängstigt einige Schritte zurück – und dann gab es ein bizarres Geräusch, nach dem plötzlich ein nackter Mann vor ihr auf der Straße stand.
Valeshka starrte ihn an, vom dunkelbraunen Haarschopf und den unpassend blauen Augen bis hinab zu… Dingen, nach deren Anblick sie hastig die Augen schloß. Sie kam sich völlig hilflos vor. Was sollte man auch tun, wenn sich vor der eigenen Nase ein Vogel in einen Mann verwandelte, noch dazu in einen nackten?
Ein Rascheln und Räuspern veranlaßte sie dazu, die Augen wieder zu öffnen. Von irgendwoher hatte sich der Fremde eine Tunika besorgt – vielleicht hatte er sich schon vorher in dieser Gasse verborgen. Jetzt wirkte er ganz zivilisiert, wenn auch der eindringliche Blick seiner hellen Augen etwas beinahe Unheimliches hatte. Er musterte sie so wie sie ihn zuvor, dann fragte er: „Du bist die Tochter der Militärstrategin Loranna?”
Valeshka nickte zaghaft.
Der Fremde entspannte sich ein wenig. „Ich bin Dschinziber von Marenoab, Alenijidas Bruder.”
Überrascht riß Valeshka die Augen auf. „Alenijida! Aber sie ist…”
„…dem Kreislauf alles Seienden gefolgt, ich weiß. Aber es soll jetzt nicht um sie gehen, sondern um dich.”
„U-um mich?!” stieß Valeshka erschrocken hervor. „Aber warum? Ich habe ihr nichts getan!”
„Auch das weiß ich”, antwortete Dschinziber sanft. „Sonst hätte sie dir kaum ihre Schriften hinterlassen. Oh ja, sie berichtete mir alles. Sie war meine zuverlässigste Quelle hier im Feindesland. Zu schade, daß sich Duchijian als Verräter erwies.”
„Sie war eine Spionin?”
„Sagen wir doch lieber ‚Geheimagentin’. Spionin klingt so… abwertend. Sie hat nur das Beste für das Benisabayad getan.”
„Das was?”
„Benisabayad. Die Gemeinschaft aller Maraskaner.”
Valeshka nickte langsam. „Und an welcher Stelle komme ich jetzt ins Spiel?”
„Wir haben dich eine Weile lang beobachtet”, erklärte Dschinziber. „Der Schneider Alrech und seine Schwester; Orujin, der Marktaufseher; und nicht zuletzt ich selbst. Die Haffajas sind blind und dumm dafür, doch wir haben schnell bemerkt, daß du nicht den Ausgeburten des Äthrajin anhängst und daß dein Interesse für die maraskanische Sache groß ist. Du magst zwar eine Garethja sein, aber es ist ja nie zu spät, um die wahre Natur der Dinge zu erkennen.” Er schmunzelte über Valeshkas perplexe Miene. „Ja, du verstehst dich zu verstellen und genießt das Vertrauen der Dämonenanhänger, aber insgeheim würdest du sie am liebsten vom Weltendiskus tilgen. Wir können dir helfen, deinen Wunsch zu erfüllen.”
„Wir? Wer wir? Ich sehe nur Euch.”
„Ich bin niemals allein, genausowenig wie jeder andere, dessen Seele den Verlockungen der Bruderlosen widerstanden hat. Das Shîkanydad stärkt mir den Rücken, und die Tetrarchen empfangen meine Nachrichten. Wenn du uns hilfst, die Haffajas von innen heraus zu bekämpfen, dann helfen wir dir, wann immer du in Not gerätst.”
Valeshka runzelte die Stirn. „Ihr wollt mich also als Geheimagentin für das Shîkanydad gewinnen. So viel ist mir klar. Aber ich riskiere mehr als nur mein Leben, wenn ich mich gegen die Besatzer und die Bluttempler stelle.”
Dschinziber nickte bedächtig. „Ja, es ist ein großes Risiko, das weiß ich. Wenn du es nicht tun wolltest, hätte ich Verständnis, und wir würden dich nicht wieder belästigen. Doch ich sehe großes Potential in dir und einen brennenden Wunsch in deinen Augen, auch wenn ich ihn noch nicht deuten kann. Sage mir, was du dir so sehnlich wünschst, und ich werde versuchen, es dir zu ermöglichen.”
Zögernd blickte Valeshka auf die eigenen Füße hinab. Sie hob den Blick und sah sich hastig um, ob auch niemand in der Nähe war, der ihre nächsten Worte hören konnte. Dann endlich platzte es aus ihr heraus: „Lehrt mich den maraskanischen Glauben. Ich möchte auch die Schönheit der Welt sehen können. Ich möchte zu den Zwölfgeschwistern sprechen können wie ihr, die Schriften eurer Philosophen verstehen und ein Teil des Benisabayads sein.”
Lächelnd legte Dschinziber ihr eine Hand auf die Schulter. „Dafür werde ich sorgen, Bruderschwester. Aber nun sollten wir nicht länger miteinander sprechen, denn diese Gasse wird bald nicht mehr so leer sein. Ich sende dir eine Nachricht, so schnell ich kann.” Er drückte leicht ihre Schulter, drehte sich dann um und ging ohne ein weiteres Wort davon. Erst als er um die nächste Ecke verschwunden war, fiel Valeshka auf, daß er sie „Bruderschwester” genannt hatte.

~*~

Es war der 5. Efferd 1029 nach Bosparans Fall, als Emerijida aufgeregt in Valeshkas Zimmer gestürmt kam. Die Mittelreicherin hatte endlich ihr einengendes Heim verlassen und eine eigene kleine Wohnung am Stadtrand bezogen. Hier lebten diejenigen, die die alten maraskanischen Sitten noch nicht vergessen hatten, und sie konnte ungestört Besuch empfangen, ohne daß ihre Nachbarn mißtrauisch wurden und sich an die Garde wandten. Seit drei Jahren erhielt sie nun Unterricht von Emerijida, einer weißmaraskanischen Wanderpriesterin aus Sinoda. Mittlerweile kannte Valeshka die Zuständigkeiten aller Zwölfgeschwister, die Werke der größten maraskanischen Philosophen und die grobe Geschichte seit der Besiedlung der Insel. Sie konnte die Lebensdaten Dajins des Frommen nennen und ein Gespräch in fließendem Maraskani führen. Gleichzeitig arbeitete sie daran, sich Deckidentitäten zuzulegen, falls sie sich einmal tarnen mußte. Ihr Vater war Albernier gewesen, und da sie den albernischen Dialekt noch gut beherrschte, hatte sie sich eine Tarnung als Havenerin ausgearbeitet. Derzeit werkelte sie an ihrer fiktiven Lebensgeschichte, doch als Emerijida abrupt die Tür aufriß, wurde sie aus ihren Gedanken gerissen.
„Was ist denn so eilig?” fragte sie verdutzt und stand auf, um die Tür hinter der aufgeregten Priesterin zu schließen.
Statt einer Antwort sah Emerijida sich in der Wohnung um. „Wie schnell kannst du packen?”
„Haben sie uns enttarnt?” stieß Valeshka erschrocken aus.
Emerijida schüttelte den Kopf. „Nein, aber vom Festland dringen erschreckende Erkenntnisse zu uns. Haffajas versuchen die Schulen und Tempel jener zu unterwandern, die sich aus mangelnder Weitsicht der Schwester Rondra allein verschreiben. Einigen von ihnen ist es schon gelungen, dort Aufnahme zu finden, und sie beginnen, ihre Lehre zu verbreiten. Dschinziber wünscht, daß du dich aufs Festland begibst und dort nachforschst, wie weit ihr Einfluß schon gedrungen ist. Nenne uns Namen und Orte und mache diejenigen, die dort für Recht sorgen, auf die Jünger der Äthrajin aufmerksam. Vierfacher Dank wäre dir gewiß.”
Aufs Festland? Valeshka begann breit zu grinsen. Endlich hatte sie einen Grund, die Gefangenschaft Schwarzmaraskans hinter sich zu lassen. Ihretwegen würde sie ein Jahrhundert lang jeden Rondratempel, jede Kriegerakademie nach Anhängern des Belhalhar durchsuchen, wenn sie bloß nie wieder in Haffaxens Reich zurückmußte. Sie nickte enthusiastisch. „Sicherlich, Bruderschwester. Ich werde diesen Auftrag gern annehmen und ihn gewissenhaft erfüllen. Das Bruderlose muß bekämpft werden, wo immer es nach dem Weltendiskus greift.”
„Da hast du recht, Bruderschwester. Hier, ich habe etwas für dich, das dir auf deiner Reise nützen wird.” Emerijida griff in eine Tasche und drückte Valeshka etwas in die Hand: Es war ein fast handtellergroßes Amulett in Form eines Schmetterlings, auf dessen vier Flügeln jeweils eine stilisierte Lilie zu sehen war. Bewegte man das Amulett im Licht, schillerte es in allen Regenbogenfarben. „Du weißt, wofür es steht?”
„Ich habe eine Ahnung”, entgegnete Valeshka. „Der Schmetterling ist auf Maraskan ein häufiges Symbol, genau wie die bunten Farben. Die vier Lilien stehen vermutlich für den Lilienthron, den die Haffajas an sich rissen… sie können auch ein Zeichen für die Tetrarchen sein, und schließlich ist vier eine heilige Zahl, weil sie zweimal die Zwei enthält.”
„So ist es”, bestätigte Emerijida. „Und da drei Bedeutungen nicht gut wären, gibt es noch eine vierte: Das Benisabayad, bestehend aus den Maraskanern im Shîkanydad, im Haffajad, auf dem Festland und schließlich denen, die keine Maraskaner von Geburt sind, aber solche im Geiste. So wie du, Bruderschwester.”
Lächelnd verbarg Valeshka das Amulett in ihrer Gürteltasche und machte sich daran, ihre Sachen zu packen. Alle Sorgen waren in diesem Moment vergessen, denn auf sie wartete die Freiheit und das größte Abenteuer ihres Lebens.

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