Vier Lilien

Eine Geschichte über Schwarzmaraskan, über stille Rebellion und eine Garethja, die die Schönheit der Welt erkennt…

~*~

Weine, Tuzak, du Tränenreiche/Sieh’ die Geschwister tot in der Sonne…
Valeshka konnte sich kaum noch erinnern, wo sie dieses Lied zum ersten Mal gehört hatte, das ihr nun beständig im Kopf herumging und fast jeden anderen Gedanken überdeckte. Es mußte bei einer dieser öffentlichen Hinrichtungen gewesen sein, die die Priesterschaft als ein Opfer ihres blutigen Dämonengottes, Belhalhar, verstand. Im letzten Mond hatte es viele Hinrichtungen gegeben. Durch den Verrat eines eingeschüchterten Mitglieds war eine geheime Gruppe aufgedeckt worden, die sich der Verehrung von Rur und Gror widmete, den Zwillingsgöttern des alten Maraskan.
Eine der Hingerichteten, die Stoffärberin Alenijida, hatte Valeshka gekannt. Sie war eine stämmige Mittzwanzigerin gewesen, deren blaßgrüne Augen stets ein wenig melancholisch dreingeblickt hatten und die, wenn sie sich sicher wähnte, in schwärmerischem Ton von den „alten Zeiten” auf Maraskan erzählte, an die sie sich selbst nur noch vage erinnerte. Wenn ihre Mutter nicht daheim gewesen war – was noch immer oft vorkam – und ihre Schwester Belara sich mit Freunden traf, hatte Valeshka sich gerne in die Stoffärberei geschlichen und auf eine ruhige Minute gehofft, in der Alenijida keine Kunden empfing und sich ganz dem Erzählen widmen konnte. In solchen Minuten entflammten die bräunlichen Wangen der Maraskanerin in einem freudigen Rot, ihre sonst schleppende Sprechweise beschleunigte sich und sie gestikulierte derart mit ihren kräftigen Händen, daß man um die Einrichtung ihres Ladens fürchten mußte.
Es schien, als habe Alenijida etwas von dem Verrat geahnt, denn wenige Tage zuvor hatte sie Valeshka auf dem Markt beiseitegezogen und ihr eine Nachricht in die Hand gedrückt. „Vielleicht können wir unsere Gespräche nicht mehr lange fortsetzen”, stand in runden, regelmäßigen Buchstaben auf dem Stück Pergament. „Duchijian, der Töpfer, wirkt merkwürdig in der letzten Zeit. Mag sein, daß er uns an die Bluttempler verriet. Doch ich habe keine Furcht, denn Rur in seiner Weisheit hat es gefügt, daß mit dem Ende eines Lebens nicht der Kreislauf aller Leben endet, und so werde auch ich dereinst auf den Weltendiskus zurückkehren. Du hast oft versucht, mich zu verstehen, Bruderschwester, und dafür danke ich dir. Ich habe dir in der zerbrochenen Truhe im Lager einige Schriften hinterlassen. Lies sie, und wenn es Schwester Hesinde gefällt, wirst du durch sie Einsicht erlangen.”
Gerade kehrte Valeshka von Alenijidas Laden zurück. Abgesehen von einer ungewohnten Stille und Leere war dort alles so gewesen wie immer. Die Eingangtür hatte sich mühelos öffnen lassen, und so war sie hineingeschlüpft und ins Lager geeilt, um die Dokumente der Stoffärberin zu retten, bevor die Bluttempler sie entdeckten. Nun trug sie sie unter ihrer weiten Tunika verborgen, zur besseren Tarnung noch eingeschlagen in ein Pamphlet des Belhalhartempels.
In ihrer Wohnung angekommen, verschwand sie zuallererst in ihrem Zimmer und verbarg die Dokumente in ihrem Kopfkissen. Die Tempelschrift arrangierte sie so auf dem Bett, daß es aussah, als habe sie darin gelesen und sie dann beiläufig liegen lassen, um sie später noch einmal zu studieren. Sie konnte es sich nicht erlauben, als „Ungläubige” des blutigen Zermalmers zu erscheinen – nicht hier, nicht jetzt, nicht in diesem Haus.
Schon seit vielen Jahren lebte sie hier in Tuzak, in Haffaxens Reich des Blutes, das die meisten als „Schwarzmaraskan” kannten. Kurz nach dem Verrat der Jerganer Templer war sie mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester hergekommen. Ihr Vater hatte die Familie bereits verlassen, nachdem seine Frau immer extremer in seinen Ansichten geworden war und ihre rondrianische Ausbildung nach und nach zu vergessen schien. Valeshka sah sein sorgenvolles Gesicht vor sich, umrahmt von weizenblonden Haaren, die an den Schläfen schon zu ergrauen begannen, und seinen letzten Gruß an sie, bevor er seinem Pferd die Sporen gab und gen Westen davon ritt. Es war weniger ein Gruß gewesen als ein Segen; das Zeichen des Sonnengottes Praios, das sie vor den Dämonen behüten sollte, die ihre Mutter bereits in die Dunkelheit zu ziehen begannen.
Nun, viele Jahre später, schien es so, als habe sie eine unerträgliche Zukunft vor sich. Sie haßte den grausamen Dämonenkult und seine Priester, die Angst und Unterdrückung auf der Insel, die furchtsamen Gesichter und geheimen Treffen derjenigen, die ebenso dachten wie sie. Sie haßte die Hinrichtungen, die die Belhalharpriester mit großem Genuß zelebrierten, und das einfältige Volk, das jedes Fallen des Henkerbeils, jede zugezogene Schlinge, jedes prasselnde Feuer feierte, als sei es die Erlösung ihrer geknechteten Seelen. Und doch – wie konnte sie dem entrinnen, ohne ihr Leben lassen zu müssen?
Valeshka zog den silbernen Handspiegel unter dem Bett hervor und betrachtete sich eingehend darin. Sie war jetzt sechzehn Jahre alt – „Götterläufe” nannten es die Zwölfgöttergläubigen – und dürr wie ein junger Baum, mit kaum ausgeprägten weiblichen Rundungen, die unter ihrer stets zu weiten Kleidung ohnehin nicht zu erkennen waren. Ihre welligen hellbraunen Haare rankten sich um ein schmales Gesicht mit etwas zu großem Kinn und meergrünen Mandelaugen. Arme und Beine waren eher knochig, und wenn sie tief einatmete, konnte sie unter dem groben Stoff der Tunika ihre Rippen ertasten. Sie gefiel sich ganz und gar nicht.
Resigniert schob sie den Spiegel wieder unter das Bett und blätterte müßig in den Schriften der Dämonenanhänger herum. Gleich auf der ersten Seite wurden die hingerichteten Maraskaner als „Umstürzler”, „gefährliche Subjekte” und – welch Überraschung – „Ungläubige” beschimpft. Valeshka seufzte und widmete sich halbherzig einer Schmähschrift über maraskanische Freibeuter, verfaßt von einem gewissen Ostian Blutacker, ehemals Rondrian von Hohenlohe. Bei der Lektüre drehte sich ihr fast der Magen um, doch sie wollte darüber informiert sein, was die Dämonenanhänger dachten, um ihrer Umwelt weiterhin das Bild der treuen Belhalharanhängerin vorspielen zu können.
Als sie bis zu dem Abschnitt vorgedrungen war, in dem Ostian die Handelseinbußen Schwarzmaraskans durch die Freibeuter beklagte, öffnete sich die Tür, und Valeshkas Mutter trat ein. Ihre sehnige Gestalt war in Rüstung und Wappenrock gehüllt, wie stets in den Farben der Bluttempler; ihre dunkelbraunen Haare, in die sich silbrige Strähnen mischten, hatte sie zu einem strengen Zopf gebunden, und ihre braunen Augen waren eng zusammengekniffen, als wittere sie überall unsichtbare Feinde. Sie trat ohne ein Wort neben ihre Tochter und blickte ihr über die Schulter. Dann gab sie ein zufriedenes Schnauben von sich. „Sehr gut, Valeshka. Man kann nie genug informiert sein über die Umtriebe dieses schändlichen Gezüchts.”
Meint sie damit die Dämonenbündler? dachte Valeshka spöttisch. Ihr schiefes Grinsen wertete ihre Mutter fälschlich als Zustimmung und schenkte ihrer Tochter einen der seltenen anerkennenden Blicke. „Kürzlich wurde wieder eine dieser spinnerten Verschwörergruppen enttarnt, die den Glauben an irgendwelche Doppelgötter verbreiten wollten”, erzählte sie beiläufig, während sie die Handschuhe abstreifte und hinter ihren Gürtel steckte. „Wie absurd, daß sie es immer wieder versuchen. Es müßte ihnen doch eine Lehre sein.”
„Ich habe die Zeremonie auf dem Markt gesehen”, erwiderte Valeshka, während sie ein stummes Gebet zu Boron schickte, sich der Seelen der Hingerichteten anzunehmen. „Ein Spektakel, das Belhalhars würdig war. Die Menge tobte im Blutrausch.”
Mit solchen Worten konnte sie nie etwas falsch machen, und auch jetzt lächelte ihre Mutter zufrieden und tätschelte ihr die Schulter. „Das ist gut zu hören, mein Kind. Die Oberen werden mit uns zufrieden sein. Ich hoffe, sie haben deine Anwesenheit bemerkt.”
Valeshka nickte und unterdrückte eine angeekelte Grimasse, als sie bestätigte: „Nach der Zeremonie habe ich Tempelvorsteher Belharian getroffen und kurz mit ihm gesprochen. Wir unterhielten uns über die bemerkenswerten Kampferfolge in den südlichen Gebirgszügen.”
„Oh ja, unsere Geduld hat sich endlich ausgezahlt.” Ihre Mutter straffte die Schultern und wirkte stolz. „Du hast mich erfreut, Valeshka. Morgen darfst du dir auf dem Markt ein paar neue Kleider kaufen.”
Valeshka bemühte sich um eine glückliche Miene und war froh, als ihre Mutter das Zimmer verließ. Länger hätte sie ihre Anwesenheit nicht mehr ertragen, ohne daß irgendwie herausgekommen wäre, was sie wirklich dachte. Und dann wäre sie ihres Lebens nicht mehr froh geworden.

~*~

Mittlerweile waren einige Monde vergangen, seit Valeshka den Nachlaß der Stoffärberin geborgen hatte. Sie hatte die Schriften ausführlich studiert und festgestellt, daß es sich dabei um ein Traktat über den Rur-und-Gror-Glauben und alte maraskanische Sitten handelte. Von der Anrede „Bruderschwester” über die Aufgaben eines Wanderpriesters bis zu Hochzeits- und Begräbniszeremonien war alles dabei. Anfangs war sie verwirrt gewesen, doch mittlerweile faszinierte sie das Glaubenskonzept, in deren Mittelpunkt der göttliche Dualismus, die Schöpfung Deres als Geschenk und die Schönheit alles Seienden standen. Es war eins faszinierendes und angenehmes Konzept, so völlig verschieden von der Unmoral der Dämonenanbeter oder der Götterfurcht der Mittelreicher. Valeshka nahm sich vor, so schnell wie möglich mehr darüber zu erfahren. Doch dafür würde sie Schwarzmaraskan verlassen müssen, und das war noch immer ein Problem.
Der Herbst brach langsam über die Insel herein, und nach dem langen heißen Sommer sank die Temperatur endlich auf ein erträgliches Maß. Valeshka löste ihren Zopf, als sie aus der Haustür trat, und fuhr sich mit den Fingern durch die widerspenstigen Locken. Als kleine Rebellion gegen die Herrschenden trug sie heute ein altmaraskanisch anmutendes grünes Gewand, das mit blauen Schmetterlingen bedruckt war. Solche Gewänder waren zwar nicht verboten, aber in den Reihen der Mittelreicher sah man sie selten, und wenn, dann in dunklen Farben. Sie selbst dagegen trug ihr buntes Gewand mit Stolz, denn immerhin hatte sie es selber entworfen und dann mit Hilfe des Schneiders Alrech geschneidert, der Alenijidas leerstehenden Laden übernommen hatte. Seine Zwillingsschwester Alryscha war Stoffdruckerin und hatte das wunderbar filigrane Blättermuster auf das Kleid gezaubert. Valeshka hätte es nicht beschwören können, doch sie hatte das Gefühl, daß die beiden ihre Intention verstanden und insgeheim guthießen.
Daheim hatte sie zwar erst einmal eine Standpauke und Stubenarrest geerntet, doch immerhin hatte sie so Zeit gehabt, sich eine Ausrede einfallen zu lassen. Schließlich hatte sie ihre Mutter mit dem Argument überzeugt, um seine Widersacher besser kennenzulernen und ihr Vorgehen zu begreifen, müsse man für eine Weile in ihre Haut schlüpfen. Daraufhin hatte sie das Kleid sogar auf den Markt anziehen dürfen.
Nun aber fühlte sie sich beobachtet. Und das nicht von einem Menschen, sondern von einem Vogel. Valeshka fragte sich, ob ihr Praios als Strafe für die ständige Schwindelei langsam das Gehirn vernebelte. Doch sie war sich sicher, denselben Vogel in den letzten Tagen ständig zu sehen. Sie konnte nicht sagen, welcher Art er angehörte, doch diese eine leicht abgeknickte Feder, der bläuliche Fleck rechts des Schnabels waren immer gleich.
Sie bog in eine Seitengasse ein, blieb dann stehen und drehte sich um. Tatsächlich, der Vogel folgte ihr. Kurz vor ihr landete er etwas ungeschickt auf dem Boden und schien sich umzusehen. Dann, als er festgestellt hatte, daß die Gasse leer war, geschah etwas Merkwürdiges mit ihm. Er begann sich seltsam zu drehen und zu verrenken, wuchs plötzlich auf ein Doppeltes seiner Größe an – Valeshka trat verängstigt einige Schritte zurück – und dann gab es ein bizarres Geräusch, nach dem plötzlich ein nackter Mann vor ihr auf der Straße stand.
Valeshka starrte ihn an, vom dunkelbraunen Haarschopf und den unpassend blauen Augen bis hinab zu… Dingen, nach deren Anblick sie hastig die Augen schloß. Sie kam sich völlig hilflos vor. Was sollte man auch tun, wenn sich vor der eigenen Nase ein Vogel in einen Mann verwandelte, noch dazu in einen nackten?
Ein Rascheln und Räuspern veranlaßte sie dazu, die Augen wieder zu öffnen. Von irgendwoher hatte sich der Fremde eine Tunika besorgt – vielleicht hatte er sich schon vorher in dieser Gasse verborgen. Jetzt wirkte er ganz zivilisiert, wenn auch der eindringliche Blick seiner hellen Augen etwas beinahe Unheimliches hatte. Er musterte sie so wie sie ihn zuvor, dann fragte er: „Du bist die Tochter der Militärstrategin Loranna?”
Valeshka nickte zaghaft.
Der Fremde entspannte sich ein wenig. „Ich bin Dschinziber von Marenoab, Alenijidas Bruder.”
Überrascht riß Valeshka die Augen auf. „Alenijida! Aber sie ist…”
„…dem Kreislauf alles Seienden gefolgt, ich weiß. Aber es soll jetzt nicht um sie gehen, sondern um dich.”
„U-um mich?!” stieß Valeshka erschrocken hervor. „Aber warum? Ich habe ihr nichts getan!”
„Auch das weiß ich”, antwortete Dschinziber sanft. „Sonst hätte sie dir kaum ihre Schriften hinterlassen. Oh ja, sie berichtete mir alles. Sie war meine zuverlässigste Quelle hier im Feindesland. Zu schade, daß sich Duchijian als Verräter erwies.”
„Sie war eine Spionin?”
„Sagen wir doch lieber ‚Geheimagentin’. Spionin klingt so… abwertend. Sie hat nur das Beste für das Benisabayad getan.”
„Das was?”
„Benisabayad. Die Gemeinschaft aller Maraskaner.”
Valeshka nickte langsam. „Und an welcher Stelle komme ich jetzt ins Spiel?”
„Wir haben dich eine Weile lang beobachtet”, erklärte Dschinziber. „Der Schneider Alrech und seine Schwester; Orujin, der Marktaufseher; und nicht zuletzt ich selbst. Die Haffajas sind blind und dumm dafür, doch wir haben schnell bemerkt, daß du nicht den Ausgeburten des Äthrajin anhängst und daß dein Interesse für die maraskanische Sache groß ist. Du magst zwar eine Garethja sein, aber es ist ja nie zu spät, um die wahre Natur der Dinge zu erkennen.” Er schmunzelte über Valeshkas perplexe Miene. „Ja, du verstehst dich zu verstellen und genießt das Vertrauen der Dämonenanhänger, aber insgeheim würdest du sie am liebsten vom Weltendiskus tilgen. Wir können dir helfen, deinen Wunsch zu erfüllen.”
„Wir? Wer wir? Ich sehe nur Euch.”
„Ich bin niemals allein, genausowenig wie jeder andere, dessen Seele den Verlockungen der Bruderlosen widerstanden hat. Das Shîkanydad stärkt mir den Rücken, und die Tetrarchen empfangen meine Nachrichten. Wenn du uns hilfst, die Haffajas von innen heraus zu bekämpfen, dann helfen wir dir, wann immer du in Not gerätst.”
Valeshka runzelte die Stirn. „Ihr wollt mich also als Geheimagentin für das Shîkanydad gewinnen. So viel ist mir klar. Aber ich riskiere mehr als nur mein Leben, wenn ich mich gegen die Besatzer und die Bluttempler stelle.”
Dschinziber nickte bedächtig. „Ja, es ist ein großes Risiko, das weiß ich. Wenn du es nicht tun wolltest, hätte ich Verständnis, und wir würden dich nicht wieder belästigen. Doch ich sehe großes Potential in dir und einen brennenden Wunsch in deinen Augen, auch wenn ich ihn noch nicht deuten kann. Sage mir, was du dir so sehnlich wünschst, und ich werde versuchen, es dir zu ermöglichen.”
Zögernd blickte Valeshka auf die eigenen Füße hinab. Sie hob den Blick und sah sich hastig um, ob auch niemand in der Nähe war, der ihre nächsten Worte hören konnte. Dann endlich platzte es aus ihr heraus: „Lehrt mich den maraskanischen Glauben. Ich möchte auch die Schönheit der Welt sehen können. Ich möchte zu den Zwölfgeschwistern sprechen können wie ihr, die Schriften eurer Philosophen verstehen und ein Teil des Benisabayads sein.”
Lächelnd legte Dschinziber ihr eine Hand auf die Schulter. „Dafür werde ich sorgen, Bruderschwester. Aber nun sollten wir nicht länger miteinander sprechen, denn diese Gasse wird bald nicht mehr so leer sein. Ich sende dir eine Nachricht, so schnell ich kann.” Er drückte leicht ihre Schulter, drehte sich dann um und ging ohne ein weiteres Wort davon. Erst als er um die nächste Ecke verschwunden war, fiel Valeshka auf, daß er sie „Bruderschwester” genannt hatte.

~*~

Es war der 5. Efferd 1029 nach Bosparans Fall, als Emerijida aufgeregt in Valeshkas Zimmer gestürmt kam. Die Mittelreicherin hatte endlich ihr einengendes Heim verlassen und eine eigene kleine Wohnung am Stadtrand bezogen. Hier lebten diejenigen, die die alten maraskanischen Sitten noch nicht vergessen hatten, und sie konnte ungestört Besuch empfangen, ohne daß ihre Nachbarn mißtrauisch wurden und sich an die Garde wandten. Seit drei Jahren erhielt sie nun Unterricht von Emerijida, einer weißmaraskanischen Wanderpriesterin aus Sinoda. Mittlerweile kannte Valeshka die Zuständigkeiten aller Zwölfgeschwister, die Werke der größten maraskanischen Philosophen und die grobe Geschichte seit der Besiedlung der Insel. Sie konnte die Lebensdaten Dajins des Frommen nennen und ein Gespräch in fließendem Maraskani führen. Gleichzeitig arbeitete sie daran, sich Deckidentitäten zuzulegen, falls sie sich einmal tarnen mußte. Ihr Vater war Albernier gewesen, und da sie den albernischen Dialekt noch gut beherrschte, hatte sie sich eine Tarnung als Havenerin ausgearbeitet. Derzeit werkelte sie an ihrer fiktiven Lebensgeschichte, doch als Emerijida abrupt die Tür aufriß, wurde sie aus ihren Gedanken gerissen.
„Was ist denn so eilig?” fragte sie verdutzt und stand auf, um die Tür hinter der aufgeregten Priesterin zu schließen.
Statt einer Antwort sah Emerijida sich in der Wohnung um. „Wie schnell kannst du packen?”
„Haben sie uns enttarnt?” stieß Valeshka erschrocken aus.
Emerijida schüttelte den Kopf. „Nein, aber vom Festland dringen erschreckende Erkenntnisse zu uns. Haffajas versuchen die Schulen und Tempel jener zu unterwandern, die sich aus mangelnder Weitsicht der Schwester Rondra allein verschreiben. Einigen von ihnen ist es schon gelungen, dort Aufnahme zu finden, und sie beginnen, ihre Lehre zu verbreiten. Dschinziber wünscht, daß du dich aufs Festland begibst und dort nachforschst, wie weit ihr Einfluß schon gedrungen ist. Nenne uns Namen und Orte und mache diejenigen, die dort für Recht sorgen, auf die Jünger der Äthrajin aufmerksam. Vierfacher Dank wäre dir gewiß.”
Aufs Festland? Valeshka begann breit zu grinsen. Endlich hatte sie einen Grund, die Gefangenschaft Schwarzmaraskans hinter sich zu lassen. Ihretwegen würde sie ein Jahrhundert lang jeden Rondratempel, jede Kriegerakademie nach Anhängern des Belhalhar durchsuchen, wenn sie bloß nie wieder in Haffaxens Reich zurückmußte. Sie nickte enthusiastisch. „Sicherlich, Bruderschwester. Ich werde diesen Auftrag gern annehmen und ihn gewissenhaft erfüllen. Das Bruderlose muß bekämpft werden, wo immer es nach dem Weltendiskus greift.”
„Da hast du recht, Bruderschwester. Hier, ich habe etwas für dich, das dir auf deiner Reise nützen wird.” Emerijida griff in eine Tasche und drückte Valeshka etwas in die Hand: Es war ein fast handtellergroßes Amulett in Form eines Schmetterlings, auf dessen vier Flügeln jeweils eine stilisierte Lilie zu sehen war. Bewegte man das Amulett im Licht, schillerte es in allen Regenbogenfarben. „Du weißt, wofür es steht?”
„Ich habe eine Ahnung”, entgegnete Valeshka. „Der Schmetterling ist auf Maraskan ein häufiges Symbol, genau wie die bunten Farben. Die vier Lilien stehen vermutlich für den Lilienthron, den die Haffajas an sich rissen… sie können auch ein Zeichen für die Tetrarchen sein, und schließlich ist vier eine heilige Zahl, weil sie zweimal die Zwei enthält.”
„So ist es”, bestätigte Emerijida. „Und da drei Bedeutungen nicht gut wären, gibt es noch eine vierte: Das Benisabayad, bestehend aus den Maraskanern im Shîkanydad, im Haffajad, auf dem Festland und schließlich denen, die keine Maraskaner von Geburt sind, aber solche im Geiste. So wie du, Bruderschwester.”
Lächelnd verbarg Valeshka das Amulett in ihrer Gürteltasche und machte sich daran, ihre Sachen zu packen. Alle Sorgen waren in diesem Moment vergessen, denn auf sie wartete die Freiheit und das größte Abenteuer ihres Lebens.

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